Sie gehören zu Brighton wie Fish zu Chips: der Brighton Pier (siehe oben) und der durch Feuer zerstörte West Pier. Sie wurden Ende des 19. Jahrhunderts erbaut und zeugen von der lebhaften Vergangenheit der Küstenstadt.

Place to B.


Jun/2021

In Brighton, dem ältesten und größten englischen Seebad, vereinen sich aktueller Zeitgeist und Historie auf faszinierende Weise. Damit wird die Stadt zum Fixpunkt auf der Landkarte der anziehendsten Reiseziele Europas.

Langsam bewegt sich der Fahrstuhl im Design eines runden Ufos nach oben. Rund 138 Meter über der Stadt genießt man aus der verglasten Aussichtskanzel des British Airways i360 Turms die wohl schönste Aussicht über Brighton. Zugleich – mit direktem Blick auf den alten West Pier im Atlantik, von dem zwei Brände und mehrere Stürme nur ein Stahlgerippe übrig ließen – steht der fortschrittliche Turm symbolhaft für das, was die gesamte Stadt verkörpert: die moderne Vergangenheit.

Der British Airways i360 bietet Besuchern eine grandiose Aussicht über Brighton.

Gut verkuppelt ist der Royal Pavilion. Architekt John Nash ließ sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei seinem Entwurf von Mogulpalästen inspirieren.

Seinen Charme entwickelte Brighton Mitte des 18. Jahrhunderts, als der Aufstieg des einst kleinen Fischernests an der Kanalküste von East Sussex zur mondänen Stadt begann. Der Beiname „London by the Sea“ kam dabei auch nicht von ungefähr, hatten die Städter doch in dieser Zeit den gesundheitsfördernden Badeurlaub für sich entdeckt – und jeder, der etwas auf sich hielt, verbrachte hier ein paar erholsame Tage. Nicht viel anders verhält es sich mit der Bezeichnung „Dirty Weekend“, die auf ein heimliches Stelldichein von Prinzregent George und seiner Geliebten Maria Fitzherbert zurückgeht und der Stadt in den Augen vieler noch ein ganz spezielles Attraktivitätsplus verleiht. Oder wie sollte man sich die überproportional vielen Junggesellenabschiede hier sonst erklären? Jedoch haben auch viele Künstler, Musiker und Hipster das Seebad am Ärmelkanal für sich entdeckt und prägen auf denkbar bunte Weise das Stadtbild. Apropos bunt: Dass Brighton als einziger Wahlkreis im Königreich durch die grüne Partei im Parlament vertreten ist, zeugt deutlich von einer gewissen Abgrenzung vom Rest des Landes – was sich übrigens auch darin äußert, dass hier über 80 Prozent gegen den Brexit gestimmt haben. Ein Grund mehr also, diese offene und tolerante Stadt und ihre 250.000 Einwohner näher kennenzulernen.

“I mean, nothing seems right, apart from Brighton” – Nichts scheint richtig zu sein, abgesehen von Brighton!

Zitat aus „Quadrophenia“

Hipster-Hochburg

Zu Fuß durch die Stadt, vorbei an charmanter viktorianischer Architektur und eleganten Regency-Gebäuden, ist die Gegend um das facettenreiche Künstlerviertel North Laine ein erster Anlaufpunkt. Hier, im „Cultural Quarter“, trifft sich das moderne Brighton. In den teils farbenprächtigen Häusern bieten über 300 individuelle Shops Mode, Antiquitäten und jede Menge Schätze aus Vinyl – und statt der sonst vielgeschmähten englischen Küche finden sich auf den Speisekarten der kleinen Restaurants und Märkte zahlreiche trendige Gerichte; besonders die vegane Küche scheint hier ihr Epizentrum zu haben.

Wer doch lieber auf den Spuren der Vergangenheit wandeln möchte, findet in Brighton mit dem Royal Pavilion den wohl exotischsten Palast Großbritanniens. Der bereits erwähnte Prinzregent und spätere König George IV. ließ zwischen 1815 und 1822 seine klassizistische Villa in einen märchenhaften Prunkbau umwandeln: mit Zwiebeltürmen, Minaretten, Hufeisenbogen und Chinoiserien im Inneren. Ein für die damalige Epoche, vorsichtig formuliert, aus der Zeit gefallener Palast – oder eben ein Vorbote eines besonders toleranten und kreativen Ortes auf der britischen Landkarte.

Brightons Boheme: Wo früher Armut herrschte, regiert heute Lebensfreude. Dabei gibt die Gegend rund um das Künstlerviertel North Laine nicht nur in Sachen Musik den Ton an. In den Cafés, Theatern und Shops werden Trends gesetzt.

Nur noch ein stählernes Gerippe ist vom West Pier, dem einstigen Wahrzeichen der Stadt, übrig geblieben. Links: Der British Airways i360 bietet Besuchern eine grandiose Aussicht über Brighton.

Mod_ernists

Spricht man im Zusammenhang mit Brighton von Tradition aus der jüngeren Geschichte, darf natürlich der Spielfilm „Quadrophenia“ von 1979 nicht unerwähnt bleiben. Das Werk, dessen wesentliche Szenen rund um die Strandpromenade gedreht wurden, thematisiert die Identitätskonflikte britischer Jugendlicher der Arbeiterklasse Mitte der 1960er Jahre. Vor allem die Mods auf ihren mit vielen Spiegeln getunten Motorrollern und mit Militärparkas über den modisch eng geschnitten Anzügen prägten das damalige Stadtbild. In diesem Jahr jährt sich die Premiere des Streifens zum 40. Mal. Die Stadt erwartet dazu Ende August rund 5.000 ebenjener Mods mit ihren charakteristischen Gefährten zu einem großen Revival. Viele von ihnen werden sich dann mit Sicherheit auch an der „Quadrophenia Alley“ ablichten lassen – ein absolutes Must für jeden Mod. Unterlegt wurde der Film mit dem gleichnamigen Konzeptalbum der legendären Rockgruppe „The Who“, die vielleicht auch ungewollt Pate für eine mittlerweile große Musikszene in Brighton stand. Mit über 500 Bands in der Stadt gibt es daher jeden Tag etwas live auf die Ohren.

Wem das noch nicht vielfältig genug ist, dem seien die herausragenden Festivals in der Stadt ans Herz gelegt, wie beispielsweise das „Brighton Fringe“, eines der beliebtesten Kunstfestivals im Königreich. Dann überziehen Theateraufführungen und Musik unterschiedlichster Kulturen das traditionelle Stadtbild und machen Brighton endgültig zum Place to be – immer getreu dem Motto „Das Moderne passt in die Geschichte“.

Anreise
Gatwick Airport (nächster Flughafen)

Unterkunft
Hotel Una, 55-56 Regency Square,
Brighton BN1 2FF, Vereinigtes Königreich

Reiseführer
Baedeker Südengland, www.baedeker.com

Wichtige Infos
www.visitbrighton.com

Text:
Markus R. Groß
 
Bilder:
Markus R. Groß
VisitBrighton.com
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