Der Zug des Zaren


Mai/2021

Auf 9.288 Kilometern verbindet die Transsibirische Eisenbahn Europa mit Asien – und ist dabei längst nicht nur unter Eisenbahn-Fans zur Legende geworden. An Bord des Sonderzugs „Zarengold“ vom Touristikanbieter Lernidee finden wir heraus, was diesen rollenden Lebenstraum so besonders macht.

Der Blick aus dem Zugfenster auf den meterdick zugefrorenen Baikalsee zählt eindeutig zu den besonderen Momenten dieser Reise. Ein Bild zum Einfrieren in das Fotobuch der persönlichen Erinnerungen. Glasklar schimmert das Eis unter dem tiefblauen, wolkenlosen Himmel auf den mit mehr als 25 Millionen Jahren ältesten Süßwassersee der Erde. Seine gigantische Tiefe von 1.642 Metern ergibt sich durch die mit Wasser vollgelaufene Spalte zwischen der Indischen und der Eurasischen Kontinentalplatte. Durch unseren Sonderzug, der flexibel an den regulären Zug angekoppelt werden kann, bietet sich auf dieser Reise immer wieder die Möglichkeit für individuelle Stopps auf der Strecke – was gerade beim Besuch einer so außergewöhnlichen Region wie Sibirien einen großen Vorteil gegenüber dem regulären Zugticket darstellt. Hinzu kommt, dass unser „Zarengold“ dank einer Ausnahmegenehmigung auf diesem Teilabschnitt die alte Nebenlinie entlang des Sees nutzen darf. Die regulären Züge fahren eine andere, kürzere Strecke. Aber wer will auf so einer Fahrt denn bitte­schön Zeit sparen?

Fensterplatz

Neben dem Sonderstatus auf der Strecke hat unser Wagen komforttechnisch mit Bett, Bad und Bordküche ebenfalls zahlreiche Annehmlichkeiten im Gepäck. Viel dunkles Holz und Sitzmöglichkeiten in dezent anmutendem rotem Plüsch erwärmen das Herz des reisenden Nostalgikers. Mit diesem Komfort-Plus lässt sich das „Fensterkino“ auf Dörfer, Birkenwälder und der endlosen Weite der Tundra sehr entspannt genießen.

Wieder angehängt an den normalen Zug ergeben sich aber auch während der Zwischenstopps auf den Bahnhöfen stets wieder Möglichkeiten zu kleinen „Ausflügen“. In dem Gewusel von aus- und neu zusteigenden Reisenden in den regulären Abteilen offerieren Babuschkas als fliegende Händler frittierte Teigtaschen, Kekse oder selbstgestrickte und dementsprechend originelle Handschuhe. Aber aufgepasst: Die Züge fahren nicht nur pünktlich in den Bahnhöfen ein, sondern auch auf die Minute ab. Wer dann nicht da ist – Sonderstatus hin oder her – darf sich gerne auf Russisch um einen Anschlusszug kümmern.

Gut, dass wir mit Anatoli von Lernidee nicht nur einen kenntnisreichen, deutschsprachigen Reiseleiter im Zug haben, sondern auch einen „Hirten“, der uns durch den kyrillischen Buchstabendschungel immer wieder rechtzeitig zurück in den Zug führt.

Grenzerfahrung

Bevor wir nach tausenden von Kilometern die russische Grenze Richtung Mongolei überqueren, legen wir noch einen Sonderstopp in Ulan-Ude ein, der Hauptstadt der Republik Burjatien. Hier zweigt eine andere wichtige Bahnlinie – die Transmongolische Eisenbahn – ab, die uns später weiter nach Ulan-Bator führen soll. Bis dahin werden wir die Zeit nutzen und uns den wahrlich beeindruckenden Vielvölkerstaat etwas näher ansehen. Über 120 Volksgruppen und verschiedenste Konfessionen, angefangen bei Orthodoxen über Juden und Buddhisten bis hin zu Atheisten, leben hier friedlich neben- und miteinander. Eine besondere Gruppe bilden die Altgläubigen. Abgewandt von den Reformen des Patriarchen Nikon, der ab 1652 Texte und Riten der russisch-orthodoxen Gottesdienste reformierte, wanderten sie nach Polen aus, um von dort nach Sibirien verbannt zu werden. Nunmehr stark in dieser eher nüchternen Region verwurzelt und dabei doch gerne bunt gekleidet, pflegen sie bis heute ihre eigenen Traditionen, wie uns der örtliche Priester Sergey Palij (60) entspannt lächelnd in seiner kleinen Kirche der Gemeinde Tarbagatay erklärt. Schön, wenn sich alte Werte auch in so einer rauen Gegend mit jährlichen Temperaturschwankungen von plus 40 bis minus 40 Grad Celsius zuverlässig weitergeben lassen.

Zurück im Zug lassen wir die aktuellen 30 Grad unter Null draußen vor der Tür und machen uns auf weiter Richtung mongolische Grenze. Zunächst nehmen russische Grenzer die Wagen ab. Ein routinierter Blick in den Koffer – und schon wird ausgestempelt. Weiter geht es durch die Dunkelheit und rund 20 Kilometer Niemandsland – wer ist eigentlich zuständig, wenn uns hier etwas passiert? – hinein in die Mongolei. Die Grenzbeamten auf dieser Seite sind noch entspannter, und da wir nicht einmal ein Visum für die Einreise benötigen, können wir jetzt ungestört die finale Nacht im Zug antreten. Ein letztes Mal wird das Ruckeln des stählernen Kolosses über die alten Schienenpoller unser Wiegenlied bestimmen.

Schöne Seiten

Ankunft in Ulan-Bator, der Hauptstadt der Mongolei, die in vielen Rankings tatsächlich zur hässlichsten Stadt der Welt gewählt wurde. Wer definiert eigentlich Schönheit?

Egal, wir fahren gleich weiter durch die schier endlose Weite der mongolischen Steppe in Richtung unseres letzten großen Highlights auf dieser Reise: der Übernachtung in einer Jurte, dem traditionellen Zelt der west- und zentralasiatischen Nomadenstämme. Schon jetzt sei erwähnt, dass dies der tiefste Schlaf auf der gesamten Reise sein wird. Trotz Sonne und strahlend blauem Himmel ist die Kälte auch am Tag derart spürbar, dass wir uns über die Einkehr in der Jurte einer örtlichen Nomadenfamilie und der gereichten Tasse Airag – gegorene Stutenmilch – besonders freuen. Auch wenn dem ein oder anderen der Geschmack dieses traditionellen mongolischen Getränks eher grenzwertig erscheinen sollte – probieren gehört allerdings dazu. Schließlich gilt die Etikette der Gastfreundschaft auch oder gerade hier auf dem Land sehr viel. Allerdings ist es zu empfehlen, die Schale dann nicht zu leeren, denn darauf folgt garantiert ein Nachschlag. Etikette eben!

Auch wenn die Zelte von außen relativ klein wirken, ist die Aufteilung innen doch recht großzügig umgesetzt. Mit zehn Personen sowie dem mongolischen Ehepaar können wir bequem sitzen und gebannt den Erzählungen unserer Gastgeber lauschen. Beide anmutig im klassischen Mantel, dem Deel, gekleidet, sieht man ihnen die harte Arbeit in der freien Steppe an. Auf Nachfrage erzählen sie uns, dass Traditionen auch heute noch weitestgehend gelebt werden. Beispielsweise betritt man eine Jurte immer noch mit dem rechten Bein zuerst und darf dabei niemals mit dem Fuß den unteren Türrahmen berühren. Allerdings wird aus Zeitgründen auf den alten Brauch, sich innerhalb des Zeltes nur im Uhrzeigersinn zu bewegen, verzichtet. Auch in der Steppe scheinen den Nachfahren von Dschingis Khan Abkürzungen mittlerweile erlaubt zu sein.

Abends im Zelt beim Überschlagen der unzähligen Erlebnisse auf dieser Reise versuche ich, mein Bilderbuch der besonderen Lebenserinnerungen neu „zu binden“. Wichtigste Erkenntnis dabei: Ich brauche definitiv mehr Seiten!

Text:
Markus R. Groß
 
Bilder:
Markus R. Groß
Lernidee (Christopher Schmid, Dennis Schmelz)

Anbieter
Lernidee Erlebnisreisen,
www.lernidee.de

An- und Abreise
Aeroflot Russian Airlines,
www.aeroflot.ru/de-de

Reiseführer
Transsib-Handbuch,
Trescher Verlag

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